Zu Grossmutters Geburtstagsfest hat die Enkelin natürlich zu erscheinen. Eingeladen ist die gesamte Verwandtschaft zu einem Mittagessen in Solothurn. Es ist November und die ganze Woche vor der Feier prüft Tina Tag für Tag die Wetterprognosen. Am Freitag ist klar, dass das Worst-Case-Szenario eintreffen wird: oben blau – unten grau. Wieder einmal wird das Mittelland auch am kommenden Wochenende zu einer Art feuchten, dunklen Zwischenwelt. Über der Nebelgrenze jedoch, strahlen die Berge, die Bäume und der Himmel in allen Farben. Es ist die Zeit im Jahr, in der sich jeder Bergsteiger in eine Mehrseillängen-Kletterroute an einer sonnigen Südwand wünscht.

Die Tage verfliegen, bald klingelt der Wecker und auf dessen Datumsanzeige ist abzulesen, dass Sonntag ist. Tina hat sich vorgenommen, sich auf die Verwandtschaft zu freuen und aus dem Tag im Nebel das Beste zu machen. Das Fest beginnt und parallel mit der Anzahl Ansprachen wächst Tinas Sehnsucht nach der Sonne und Weite der Bergwelt. Ihr Herz zieht sich zusammen und ihre gute Miene wird endgültig zum bösen Spiel. Nach dem Essen steht Tina auf, entschuldigt sich und hastet aus dem Saal in ihr Auto. Der Jura ist nah. Die Strasse windet sich nach oben und mit jeder Kurve steigt der Höhenmesser an Tinas Handgelenk. Schliesslich ist der Parkplatz erreicht. Tina rennt entlang von weissen Kalkfelsen den Wald hinauf, immer wieder rutscht sie mit ihren Halbschuhen auf den mit Laub bedeckten, steilen Flanken aus. Der Nebel wird dichter und dichter, kahle Baumstämme erschweren das Weiterkommen und die Orientierung. Tina kämpft sich höher, ihr Atem wird schneller und schneller. Endlich lassen sich die Konturen eines hellen, weisslichen Kreises namens Sonne festmachen, erste Strahlen durchfluten den Nebelwald. Noch ein paar Schritte und Tina steht auf dem Jurakamm, ihr zu Füssen liegt das Nebelmeer, über ihr wölbt sich der blaue Himmel und um sie herum breitet sich der Geruch von Freiheit aus. Tina setzt sich auf einen Felsen, atmet durch, lässt den Blick in die endlose Ferne schweifen und spürt, wie sich ihre Beklemmung langsam löst. Die Sonne scheint ihr ins Gesicht und sie denkt, wie schön es wäre, diesen Moment mit jemandem zu teilen. Doch da ist niemand, denn die Menschen, die Tina heute Gesellschaft leisten könnten, sitzen unter der Nebeldecke in einem Saal und feiern ein fröhliches Fest.

Zu neuerer Geschichte Zu älterer Geschichte