Tina und die Corona der Schöpfung

Ausgangslage: Ein Virus, resp. die Massnahmen zu dessen Bekämpfung, haben die Welt lahmgelegt. Gesicherte, eindeutige Fakten über das Virus gibt es wenige. Weder die Lektüre vieler Artikel von Epidemiologen noch Gespräche mit Ärztinnen, Pflegerinnen oder Physiotherapeuten brachten Klarheit. Umso spannender ist die Frage, wie eine Gesellschaft mit dieser unsicheren Situation umgeht. Wer soll geschützt und wessen Leid im Gegenzug in Kauf genommen werden? Welche Werte werden hochgehalten und welche missachtet? Die gegenwärtige Krise bietet Anlass, sich mit den richtig grossen Fragen des Lebens auseinanderzusetzen.

Beschäftigen wir uns mit dem Thema Freiheit versus Sicherheit an. Um die Freiheit steht es in diesen Tagen nicht so gut. Obschon sie zurückgedrängt und zurechtgestutzt wird, gibt es sie noch und Tina zählt sich zu den "Rebellen", die ihr Fähnchen diskret hochhalten. Sie weigert sich, im Homeoffice zu arbeiten und fährt jeden Tag mit dem öV in ihr Büro. Hat sie frei, flüchtet sie in die Berge und streift mit ihren Skitourenskis durch archaische Landschaften. Die Erhabenheit der Gletscher und Felszipfel zeigt ihr die eigene Vergänglichkeit und Bedeutungslosigkeit wunderschön auf. Da sie trotz nachdenklichen Zeiten ein Kind der Fröhlichkeit ist, hat sie, im Sinne der Förderung des Gemeinschaftsgefühls in Krisensituationen, in den letzten Wochen einige gemütliche Abendessen im Kreis ihrer Freunde genossen. Leider konnten dabei die Abstandsregeln nicht ganz eingehalten werden. Es trifft sich gut, dass Alkohol ein gutes Desinfektionsmittel ist...

Ist Tina nun unsolidarisch, weil sie sich nicht an die Empfehlungen des Bundes hält und weder zu Hause bleibt noch den Abstand von mindestens 2 Metern zu ihren Freunden und ihrer Familie einhält? Im Sinne eines intakten Selbstbilds denkt Tina nicht, dass sie egoistisch ist, nur weil sie sich nicht an das Diktat von Gesundheit und Sicherheit hält. Um sich solidarisch zu zeigen, kauft sie beispielsweis für ältere Damen im Quartier ein, besucht ihren depressiven Kollegen in der Psychiatrie, kümmert sich um ihre Mutter, damit die sich nicht so einsam fühlt und schaut immer mal wieder bei ihrer krebskranken Freundin vorbei – dort natürlich mit dem gebotenen Abstand. By the way: Ist Egoismus nicht ein schwierig fassbarer Begriff? Wer ist egoistisch? Wer solidarisch? Je tiefer Tina in Diskussionen mit engagierten Verfechtern der Corona-Massnahmen gräbt, desto deutlicher kristallisiert sich deren Motiv heraus. Es ist weniger die Solidarität mit anderen, unbekannten, alten und kranken Menschen, als vielmehr die eigene Angst vor Leid, Krankheit und Tod, die die Bürgerinnen und Bürger in ihren eigenen vier Wänden hält.

Statt das Leben durch rigorose Massnahmen in den Würgegriff zu nehmen, täte unsere Gesellschaft besser daran, sich endlich über die Grenzen des Gesundheitswesens, die Grenzen des eigenen Daseins und die Grenzen unserer Möglichkeiten Gedanken zu machen. Warum nehmen wir alle an, wir hätten Anrecht auf ein langes Leben? Warum darf nicht mehr gestorben werden, ohne dass vorher alles zur Abwendung des Todes unternommen wurde? Warum sehen wir nicht ein, dass wir uns mit der Angst vor dem Tod die Möglichkeit verbauen, die wirklich wichtigen Probleme, wie beispielsweise die Zerstörung unseres Planeten, anzugehen? Warum setzten wir unser freiheitliches und solidarisches System aufs Spiel?

Irgendwann werden wir an der Watte ersticken, in die wir uns zum Schutz vor all dem gehüllt haben, was das Leben lebenswert macht. Lieber Sonnenschutz, statt braungebrannter Haut. Lieber einen Helm auf dem Kopf, statt den Wind in den Haaren. Lieber kein fettes Essen mit reichlich Wein und Bier, stattdessen besser laktosefreier Magerquark und Mineralwasser ohne Kohlensäure. Lieber soziale Distanzierung, statt ein gebrochenes Herz. Lieber gesund und scheintot statt ungesund und lebendig.

Tina wünscht sich mehr Menschen, die ihr Leben so gestalten, dass sie gehen können, wenn ihre Zeit gekommen ist.
Tina wünscht sich weniger Sicherheit und mehr Vertrauen.